Literaturnobelpreis 1908: Rudolf Christoph Eucken


Literaturnobelpreis 1908: Rudolf Christoph Eucken
Literaturnobelpreis 1908: Rudolf Christoph Eucken
 
Der deutsche Philosoph erhielt den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Lebensphilosophie.
 
 
Rudolf Christoph Eucken, * Aurich (Ostfriesland) 5. 1. 1846, ✝ Jena 16. 9. 1926. Nach der Promotion in Göttingen zunächst Gymnasiallehrer in Husum, Berlin und Frankfurt am Main, 1871 ordentlicher Professor der Philosophie in Basel, ab 1874 in Jena.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Mit Rudolf Christoph Eucken erhielt erstmals ein Philosoph den Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung für den Jenaer Professor mit den Worten: »In Anerkennung seines ernsten Suchens nach Wahrheit, der durchdringenden Gedankenkraft, der Weite seines Blicks, der Wärme und Kraft der Darstellung, womit er in zahlreichen Werken eine ideale Weltanschauung vertreten und weiterentwickelt hat.«
 
Die Bemühung um eine »ideale Weltanschauung« war das erklärte Ziel der Philosophie Euckens. Das Konzept seiner Lebensphilosophie erhob den Anspruch eines ganzheitlichen Zugangs zum Menschen. Dabei ging es um die Überwindung rein theoretischer Denkansätze. Betont wurde das praktische Erleben, das Emotionale und Intuitive beim Menschen. Eucken gehörte zu den populärsten Vertretern dieser philosophischen Richtung, die an den deutschen Universitäten zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschend war. Über Max Scheler, den bedeutendsten Schüler Euckens, und Max Weber fanden lebensphilosophische Konzeptionen auch Eingang in die junge Wissenschaft der Soziologie.
 
 Lebensphilosophie als Ausweg aus der Kulturkrise
 
Das zentrale Anliegen Euckens war das »Erstarken einer Philosophie des Lebens«. Erreicht werden sollte auf diese Weise die »Befreiung des Menschen« aus einem Zustand der »Flachheit und Zerstreuung«. Der Philosoph aus Jena wurde damit zu einem führenden Wortführer der traditionsorientierten intellektuellen Elite, die um 1900 vor allem in Deutschland den Verfall von Kultur und Gesellschaft beklagte. Der fortschreitende Modernisierungsprozess und gesellschaftliche Wandel riefen um die Jahrhundertwende eine weit verbreitete Endzeitstimmung hervor. Es prägte sich hierfür der Begriff vom »Fin de Siècle«. Euckens populäre Philosophie repräsentierte wie keine andere diesen Zeitgeist. Der Ansatzpunkt seiner Kritik war die Entfremdung der menschlichen Arbeit durch die industrielle Technik. Obgleich die modernen Menschen, so Eucken, die Arbeit wie einen Fetisch verehrten, würden sie die Bedeutung ihrer Arbeit nicht mehr verstehen. »Die Arbeit emanzipierte sich vom Menschen, sie schoss in unübersehbare Komplexe zusammen. .. Damit entstand ein schroffer Konflikt zwischen Arbeit und Seele.«
 
Nur in einer neuen Weltanschauung sah Eucken die Möglichkeit, die Zivilisation des Fin de Siècle aus der Richtungslosigkeit herauszuführen und damit die allgemeine Krise der Moderne zu beenden. Dabei berief er sich auf die idealistischen Traditionen der deutschen Romantik. Idealismus meint hier — im schillernden Sinn der Populärphilosophie — den Primat des Geistes vor dem Materiellen. So sprach Eucken von einem neuen »Geistesleben«, in dem Religion, Ethik und Geschichtsphilosophie miteinander verbunden seien, um den Menschen nach einer »inneren Erhöhung« streben zu lassen. Die Vergeistigung der Welt war die kulturelle Botschaft der idealistischen Lebensphilosophie. Eucken beschränkte sich in seinen Äußerungen jedoch meist auf das Programmatische, so auch in seinem Hauptwerk »Der Sinn und Wert des Lebens« (1908).
 
 Zwischen Antimodernismus und Nationalismus
 
Euckens Lebensphilosophie wandte sich sowohl gegen den Materialismus von Naturwissenschaft und Technik als auch gegen die Traditionen der Aufklärer und Rationalisten. Die Hervorhebung des Irrationalen und die Abwehrhaltung gegenüber der Moderne machten die Lebensphilosophie vor allem für konservative und antidemokratische Ideologien empfänglich.
 
Euckens philosophischer Idealismus war zudem nationalistisch ausgerichtet. Über seine »Philosophie des Geisteslebens« schreibt Eucken 1908: »Eine derartige Philosophie entspricht besonders der Eigentümlichkeit deutscher Art und den Traditionen deutschen Lebens; ein Volk, das Männer wie Eckhardt und Leibniz, Kant und Hegel und so manche andere geistesverwandte Denker hervorgebracht hat, wird das Verlangen nach einer Philosophie nicht aufgeben können, welche die Wirklichkeit von innen her und aus dem Ganzen zu sehen sucht und die inmitten ernster und mühevoller Forschung nach einer Erhöhung des gesamten menschlichen Lebens strebt.«
 
Es erstaunt daher nicht, dass die Lebensphilosophie auch direkt in den Dienst nationaler Politik trat. So hielt Eucken etwa 1914 zahlreiche Kriegsreden vor den Soldaten an der Front und der Zivilbevölkerung in den Städten.
 
 ... freut sich der Dritte — die Hintergründe der Preisvergabe
 
Mit ihrer Entscheidung für Eucken optierte die Schwedische Akademie zugleich für den neuen Idealismus der Jahrhundertwende und damit auch gegen eine an den modernen Naturwissenschaften orientierte positivistische Philosophie. In der europäischen Öffentlichkeit mutmaßte man über einen Zusammenhang der Preisvergabe mit den guten Beziehungen zwischen Stockholm und dem deutschen Kaiser. In der Pariser Zeitschrift »La Phalange« war noch im selben Jahr zu lesen: »Wie ein Tiger auf die literarische Reputation seines Volkes erpicht, hat Wilhelm II. seinem schwedischen Kollegen wohl ein Wort über den hohen moralischen Stand seiner Philosophieprofessoren zugeflüstert. Es ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er auch darauf hinwies, es gebe in Jena einen gewissen Rudolf Eucken, würdigen Nachfolger Fichtes, und dass ein deutscher Philosoph, ein Professor der deutschen Philosophie, genau genommen doch einen italienischen Dichter, einen französischen Verseschmied, einen provenzalischen Homerjünger, einen spanischen Dramatiker oder einen vom Britentum besessenen Engländer noch lange aufwiege.«
 
Die eigentlichen Hintergründe der Wahl waren jedoch andere. Sie lagen in einem Streit innerhalb der Nobelstiftung über zwei Kandidaten: den englischen Dichter Algernon Charles Swinburne und die Schwedin Selma Lagerlöf, die Verfasserin von »Nils Holgersson«. Aus der teilweise turbulenten Kontroverse um die beiden ging nun überraschend Eucken als Sieger hervor. So lässt sich für diesen Fall festhalten: Um zwei wurde gestritten, ein Dritter konnte sich freuen. Doch auch Swinburnes Kontrahentin sollte sich im folgenden Jahr freuen können — im Jahr 1909 nahm Selma Lagerlöf den Nobelpreis für Literatur entgegen.
 
M. Kempe

Universal-Lexikon. 2012.

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